Gedenkveranstaltung – eine Absage

Liebe Mitmenschen,

schweren Herzens muss ich die Veranstaltung zum Gedenken an die Reichskristallnacht absagen, die für den Abend des 9. November 2020 geplant war.
Schweren Herzens, weil dieses Datum absolut zu denen gehört, die nicht vergessen werden dürfen. Schweren Herzens auch, weil Fehmarn zwar keine direkte und mit Namen und Einzelschicksalen dokumentierbare Geschichte der Judenverfolgung vorweisen kann, weil es zum Zeitpunkt der Machtergreifung keine Juden auf Fehmarn gab, hier auf der Insel wurden Zwangsarbeiter ausgebeutet, ermordet und verscharrt, so war es doch Rückzugsraum für relevante Persönlichkeiten des Massenmordes am jüdischen Volk. Himmler (Ehrenbürger Fehmarns) und Heydrich, der eine besondere familiäre Beziehung zu Fehmarn pflegte, und dessen Witwe noch viele Jahrzehnte hier lebte, luden gerne ihre Akkus auf, um anschliessend dem Diktator Adolph Hitler zu diensten zu sein bei seinem perfiden, wiederwärtigen Plan, das Jüdische Volk auszulöschen.

Fehmarn hatte durchaus auch seine nationalsozialistische Geschichte. Schon ab April 1933 eine Adolf-Hitler-Strasse (die Breite Strasse in Burg) und einen Adolf-Hitler-Platz (in Petersdorf). Es hat aber auch den Bürgermeister Claus Lafrenz gegeben, der sich 1933 den Nazis in den Weg stellte und sich z.B. seinerzeit weigerte, Hakenkreuzflaggen am Rathaus aufziehen zu lassen. Er wurde nur wenige Monate nach seiner deutlichen Intervention und seinem erzwungenen Rücktritt tot im Ostersoll aufgefunden.

Ich möchte hier Hans-Christian Schramm, Lehrer, Heimatforscher und Autor zitieren:
„…Fehmarn war in der Zeit von 1933 bis 1945 keineswegs eine Insel der Glückseligen, auf der man von Hitler und den Nazis nichts wissen wollte und mit denen man nichts zu tun gehabt hätte. Jede Kranzniederlegung zur Erinnerung an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft aber an den Gedenkstätten auf unserer Insel widerspricht dieser Vorstellung…“

Der Ort, den ich bereits voriges Jahr für eine Gedenkveranstaltung auserwählt hatte, ist der ehemalige Jüdische Friedhof Fehmarns. Zuwanderer aus Lübeck-Moisling gründeten im 19. Jahrhundert in Burg auf Fehmarn eine Kleinstgemeinde. 1800 legte die Gemeinde auf einem dreieckigen Grundstück an der Straße in Richtung Blieschendorf einen Friedhof an. 1879 fand dort die letzte Beerdigung statt. In den Jahren danach muss sich die jüdische Gemeinde aufgelöst haben. Als 1923/24 die Sundchaussee ausgebaut wurde, gab es auf Fehmarn keine Juden mehr. Sichtbare Grabstätten sind nicht mehr vorhanden. 1957 wurde auf dem Areal ein Gedenkstein gesetzt und 1958 wurde das Grundstück mit einer Hecke umgeben und das Innere zu einem Rasenplatz umgestaltet. Der Gedenkstein wurde 2007 erneuert.

Die Veranstaltung findet nicht statt.

Das Mahnmal unter den Bäumen an der Straße zwischen Blieschendorf und Burg ist aber zugänglich.

Mir persönlich würde es viel bedeuten, wenn im Laufe des 9. und 10. November Menschen einzeln, wie es die Corona-Regeln vorsehen, dort hingehen würden, und vielleicht ein Friedhofslicht, vielleicht auch einen kleinen Stein an diesen Ort mitbringen könnten, wie es im Judentum Brauch ist:

Friedhöfe werden im Judentum als Bet Hachajim (Ort des Lebens) oder Bet Haolam (Ort der Ewigkeit) bezeichnet. Jüdische Gräber dürfen nicht eingeebnet werden, sondern sollen ewig bestehen. Anstelle von Blumen werden kleine Steinchen auf Gräber gelegt. Der Brauch stammt vermutlich daher, dass früher schwere Steine auf Gräber gelegt wurden (z.B. in der Wüste), um die Toten vor wilden Tieren zu schützen und damit die Totenruhe zu gewährleisten. Auch symbolisieren Steine Ewigkeit und Unvergänglichkeit und stehen als Symbol für die Seele, die ebenfalls unvergänglich ist.

Ich danke allen, die ihre Teilnahme zugesagt hatten, u.A. den Pastoren, dem Bürgermeister, und vor allem den geduldigen Behörden, die die Veranstaltung genehmigt hatten, das Hygienekonzept akzeptierten, und auch jetzt mit mir überlegten, wie man im kleinen Rahmen dennoch ein Gedenken zulassen könnte.

Für mich ist eine Lehre aus den 12 Jahren Nationalsozialismus und meiner persönlichen Lebenserfahrung mit vielen wunderbaren Menschen vieler Religionen, dass eines wichtig ist:

Solidarität – und zwar mit jedem und allen!

Diese Solidarität muss in diesen Zeit auch all denen gelten, für die eine Corona-Infektion nicht nur eine „Grippe“ sondern schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen bis hin zum Tod bedeuten könnte. In diesem Sinne können wir, meiner Meinung nach, kein anderes Zeichen setzen, als das der Solidarität, und nicht gemeinsam und in Gruppen diesem Datum gedenken.

Lassen Sie uns alle den 9. und 10. November dafür nutzen, einzeln, aber doch gemeinsam mit Kerzen und Steinen zu zeigen:

Wir vergessen nicht – wir sind solidarisch. Mit den Toten – und mit den Lebenden, die in Gefahr sind. Überall. Bei uns auf Fehmarn, in Deutschland, weltweit.

Noch einmal Hans-Christian Schramm:
„Wir sollten die Warnung, dass die Barbarei meist nur unter einer dünnen Decke der Zivilisation verdeckt ist, nicht vergessen. Was einmal geschah, kann wieder geschehen. Seid wachsam und wehret den Anfängen! Menschenrecht und Freiheit gibt es nicht zum Nulltarif!“

Mit nachdenklichen Grüßen aus Petersdorf

Ihr Eckhard A. Kretschmer
Kantor und Autor

Neuaufbau

Am 15. März 2020, zwei Tage, nachdem Frau Merkel ihre erste grosse Corona-Ansprache gehalten hatte, war nichts mehr, wie es war.

Eigentlich sollte die Saison hier auf Fehmarn losgehen. Und der Inselautor Eckhard A. Kretschmer sollte wieder zum Vollzeit/Vollblut-Verkäufer, Inselorganisten und PR-Mitarbeiter werden.

Aber genau, als der Winterschlaf vorbei war, kam Corona. Die Folge war, dass ich, heute auf den Tag vor acht Wochen, plötzlich zu „Home Office“ verdammt war. Oder, dass ich die Chance bekam, acht Wochen lang konzentriert das Buch fertig zu stellen, das sonst erst deutlich später herausgekommen wäre.

Dieser Stein ist mir bei meinem letzten Spaziergang, bevor die Insel abgeriegelt wurde, aufgefallen. Er hat mich durch die spannende Zeit der Buchentstehung begleitet. Er war da, als ich alles löschen wollte, und es doch nicht tat. Er war da, als aus dem Schreiben ein Überarbeiten wurde, und noch ein Überarbeiten. Und er ist auch jetzt da.

Etwas Beständiges, etwas Schönes, etwas, was auch diese merkwürdigen Zeiten nicht kaputt bekommen. Damit ist er ein stabiler Stein im Fundament. Er ist Teil des neuen Gebäudes, das in Zeiten von Corona entsteht, eines Gebäudes, dessen Grundrisse und Möglichkeiten aus den Erfahrungen, Emotionen und Chancen entstehen, die diese Pandemie bietet.

Jetzt, da viele gezwungen werden, „nicht zu arbeiten“, oder „anders zu arbeiten“, oder ihre Lebensentwürfe neu zu überdenken, wünsche ich mir, dass viele solche „Steine“ gefunden, und viele neue Bauwerke entstehen werden, mit viel Mut, der sonst nicht vorhanden – weil nicht benötigt – gewesen wäre.