Mit nur meinen beiden kleinen Füßen im Sand

Liebe Oma Lene,
ich bins, deine Fenja,
Hier ist es kalt. Und es regnet. Aber die Seeluft ist toll. Sie würde Dir auch gefallen. Ich habe einen Platz gefunden, an dem Du mit dem Rollstuhl richtig nah ans Wasser fahren könntest. Du könntest deine Füße in den Sand halten. Natürlich nur, wenn Du das magst, denn die Muschelscherben piken ein bisschen.
Mama hat mir dann erzählt, als Du ins Krankenhaus gekommen bist. Es war nichts Schlimmes, hat sie gesagt. Und ich habe ein Bild für Dich gemalt, wie Du in Deinem Rollstuhl neben mir hier auf dem Deich sitzt und wir beide zusammen der Sonne zuschauen, wie sie da hinten, im Meer untergeht. Eigentlich geht die Sonne in den letzten Tagen nicht im Meer unter. Sie verschwindet hinter den Wolken über dem Meer. Sie ist plötzlich früher weg, als man will, und mir wird dann immer kalt.
Du bist auch früher weg gewesen, als ich wollte. Es war nichts Schlimmes, haben sie gesagt. Aber Du bist trotzdem daran gestorben, weil sie nicht wussten, was sie dagegen tun können. Wir haben dich nicht besuchen können. Weil wir so weit weg wohnen, hier auf Fehmarn. Und wir haben Dich nicht besuchen dürfen.
Ich habe jeden Tag mit Dir mit dem Handy gesprochen. Ich habe Dich mit ans Meer genommen. Zu diesem Platz. Zu diesem Strand. Und ich habe mich immer gefreut, wenn Du auf meinem Display warst.
Du bist hier geboren Oma Lene. Du gehörst zu Fehmarn. Es ist nicht gut, dass Du so weit weg umgezogen bist damals, wegen Karl, und wegen seiner Arbeit. Du hast uns immer gefehlt. Und es war immer schön, wenn Du hier, in Deinem Zuhause, in dem wir nun ohne Dich leben, zu besuch gewesen bist. Es war in den Wochen immer Dein Haus. Du hast so viel Liebe und Wärme mitgebracht. Das hat immer so lange gereicht, bis Du wieder gekommen bist beim nächsten Mal.
Und wir haben gewusst, wie bei der Sonne: Immer wenn sie geht, kommt sie auch wieder. Auch bei Dir haben wir das gewusst.
Aber Du bist nicht mehr so oft gekommen. Irgendwann nicht mehr. Du hattest nicht mehr die Kraft für die langen Reisen. Und Mama und Papa konnten in der Saison nicht von der Insel weg. Also haben wir Dich immer im Winter besucht zu Deinem Geburtstag.
Im letzten Februar haben wir Deinen 91. Festtag gefeiert. Es waren nicht viele Menschen da. Es war schön, in diesem Wohnheim. Mit Kerzen. Mit Geschenken. Onkel Fiete hat sogar sein Akkordeon von der Insel mitgebracht und wir haben alle das Fehmarn-Lied gesungen. Und dann hast Du ein bisschen geweint.
Danach habe ich Dich nie mehr wirklich gesehen. Nur im Handy. Im März kam Corona. Papa und Mama konnten nicht arbeiten, weil keine Touristen auf Fehmarn erlaubt waren. Und im März kam auch der Anruf, dass Du ins Krankenhaus gebracht worden bist. Aber wir sind nicht zu Dir gefahren.
Niemand durfte zu Dir. Und Du durftest nicht raus. Eine Krankenschwester hat ein Handy und manchmal hat sie mir Dir zusammen bei mir angerufen. Dann haben wir uns gesehen. Es ging Dir nicht gut, Oma Lene. Aber wir haben gelächelt und gesagt, dass alles gut werden wird. Die Ärzte haben das Dir ja auch gesagt. Die Ärzte und Schwestern waren versteckt hinter weißen und grünen Anzügen und Masken wie beim Zahnarzt.
Und immer, wie bei der Sonne, wenn sie untergeht, und ich sie gerne mit Dir gemeinsam
verabschieden möchte, habe ich mich gefreut. Weil ich wusste: Es wird einen neuen Tag geben und einen neuen Anruf.
Aber an dem einen Tag kam der Anruf nicht auf meinem Handy, sondern auf dem von Mama. Mama war sehr still. Dann war sie sehr traurig. Und das ist sie jetzt auch immer noch.
Oma Lene, Du bist an dieser neuen Krankheit gestorben. Diese Krankheit hat gemacht, dass ich nicht bei Dir sein konnte, als es Dir schlecht ging. Ich konnte nicht bei Dir sein, als ich Deinen Trost brauchte. Und ich konnte nicht bei Dir sein, als Du „bestattet“ wurdest.
Ich habe das Schiff gesehen. Von unserem Platz auf dem Deich aus Oma. Von dort, wo Dein Rollstuhl stehen sollte, mit Dir drin. Mit Deinen Füssen neben meinen Füssen im Sand. Es hat lange getutet und Papa und Mama haben mich in den Arm genommen und gesagt, dass Deine Asche jetzt dem Meer übergeben wird. Und dass es Dein Wunsch war, wieder nachhause zu kommen.
Oma Lene. Mama kann mich nicht so trösten wie Du. Papa kann das auch nicht. Ich habe Dir ein Bild gemalt von dem Schiff. Und zusammen mit diesem Brief stecke ich es für Dich jetzt in eine Flasche und werfe sie ins Meer. An Deinem Strand. Auf Deiner Insel.

Mit nur meinen beiden kleinen Füßen im Sand.
Fentje

Diese Kurzgeschichte habe ich 2020 geschrieben. Sie wurde im Buch „Fehmarn hat zu“ veröffentlicht.

„Fehmarn hat zu“ und das Buch „Mit-Gefühl“ gibt es überall, wo es Bücher gibt. In den Buchhandlungen auf Fehmarn und auf dem Festland, und natürlich auch im Internet.

Wer es direkt bei mir kaufen möchte, gerne mit Signatur, darf mich einfach anschreiben: Kontakt

Ein ganz besonderes Buch ist erschienen

Ich durfte mitwirken. Und ich freue mich, einer der vielen Autoren zu sein, die dank Elke Rathsfeld und Claudia Czellnik die Gelegenheit bekamen, mit einem Beitrag vertreten zu sein. Zeitgeschichtlich, zauberhaft, liebevoll, nachdenklich, ganz besonderes eben.

Und damit vielleicht ein Geschenk von besonderen Menschen für besondere Menschen in einer besonderen Zeit?

Fehmarn hat zu!

Auf einmal war das Betreten der Ostseeinsel Fehmarn verboten!

Es war eine ganz besondere Situation zu Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020, als die Inseln in Schleswig-Holstein abgeriegelt wurden, auch die mit einer Brücke – das Urlaubsparadies Fehmarn.
Es bedeutete, dass alle Feriengäste die Insel verlassen mussten und acht Wochen lang keine mehr kommen durften.
Die Insulaner waren unter sich – so wie seit über siebzig Jahren nicht mehr. Das machte Elke Rathsfeld und Claudia Czellnik, beide auf Fehmarn lebend, neugierig, ob dazu die Inselbewohner und ihre Festlandnachbarn Worte finden würden, die zu Beiträgen für dieses besondere Buch erwachsen könnten. Willkommen waren persönliche Eindrücke wie auch fiktive Texte aus der Zeit des coronabedingten Lockdowns.
So entstand diese Sammlung aus ganz unterschiedlichen Werken wie Kurzgeschichten, Krimis, Slam, Gedichten, Satire und Fiktion.
Tauchen Sie mit uns ein in diese außergewöhnliche Zeit: Fehmarn hat zu!

Kurzgeschichten, Krimis, Slam, Gedichte, Satire und Fiktion von der „abgeriegelten“ Insel Fehmarn
Titel-Illustration von Matze Latza

Auch ich bin unter den Autoren, man findet mich ab Seite 38. Hier die ersten Sätze:

Bestellmöglichkeiten für das Buch:

Titel: Fehmarn hat zu!
Autoren: Elke Rathsfeld, Claudia Czellnik, Eckhard A. Kretschmer und viele andere
ISBN Taschenbuch: 978-3-947636-11-2
ISBN ebook: 978-3-947636-21-1
Seiten: 120
Preis: 9,90 € inkl. 7% USt.

Das Buch ist erschienen bei der Median Agentuer Czellnik

Bei jedem Buchhändler

Damit macht Ihr mir die grösste Freude. Denn auch die Buchhändler leiden unter der Corona-Epedemie. Sie mussten in den letzten Monaten teilweise verzweifelt mit ansehen, wie ihre Marktanteile sich in Richtung „Online-Versand“ bewegten. Ein Grund, warum ich meine Bücher nicht direkt bei dem Print-On-Demand-Service bei Amazon herausbringe ist, dass ich die lokalen Buchhändler damit unterstützen möchte, dass meine Bücher eben in jeder Buchhandlung erhältlich sein sollen.
Auf Fehmarn, in Heiligenhafen und Oldenburg gibts das Buch in den Buchhandlungen:

Natürlich kann man das Buch auch direkt von mir bekommen. Auf Wunsch sogar mit Signatur. Entweder schreibt Ihr mir dafür eine Mail an ek@eakretschmer.net oder kontaktiert mich über Facebook, oder ihr kommt einfach in meinem Geschäft hier auf Fehmarn vorbei:
– Babykutter Fehmarn, Sahrensdorfer Strasse 2, Burg auf Fehmarn

Euer Eckhard A. Kretschmer

Die Autoren und Autorinnen des Mitmachbuches:

  • Bader Abu Saymeh
  • Polina Abu Saymeh
  • Elke Andresen
  • Dr. Stephan von Brandis
  • Barbara Brock
  • Franco Confetti
  • Claudia Czellnik
  • Amrei Fock
  • Gesine Hansen
  • Michael Kirchner
  • Wencke Köneking
  • Frank Pleiser
  • Dr. Elke Rathsfeld
  • Gaby Reimers
  • Corina Schultz
  • Eckhard Kretschmer
  • Helmut H. Krüger
  • Beate Neubauer
  • Matthias Offner
  • Merle Schürmann
  • St. Katharinen Chor
  • Großenbrode
  • Marisa Störtenbecker
  • Ingrid Witt

Korrektorat : Marina Reif

Gedenkveranstaltung – eine Absage

Liebe Mitmenschen,

schweren Herzens muss ich die Veranstaltung zum Gedenken an die Reichskristallnacht absagen, die für den Abend des 9. November 2020 geplant war.
Schweren Herzens, weil dieses Datum absolut zu denen gehört, die nicht vergessen werden dürfen. Schweren Herzens auch, weil Fehmarn zwar keine direkte und mit Namen und Einzelschicksalen dokumentierbare Geschichte der Judenverfolgung vorweisen kann, weil es zum Zeitpunkt der Machtergreifung keine Juden auf Fehmarn gab, hier auf der Insel wurden Zwangsarbeiter ausgebeutet, ermordet und verscharrt, so war es doch Rückzugsraum für relevante Persönlichkeiten des Massenmordes am jüdischen Volk. Himmler (Ehrenbürger Fehmarns) und Heydrich, der eine besondere familiäre Beziehung zu Fehmarn pflegte, und dessen Witwe noch viele Jahrzehnte hier lebte, luden gerne ihre Akkus auf, um anschliessend dem Diktator Adolph Hitler zu diensten zu sein bei seinem perfiden, wiederwärtigen Plan, das Jüdische Volk auszulöschen.

Fehmarn hatte durchaus auch seine nationalsozialistische Geschichte. Schon ab April 1933 eine Adolf-Hitler-Strasse (die Breite Strasse in Burg) und einen Adolf-Hitler-Platz (in Petersdorf). Es hat aber auch den Bürgermeister Claus Lafrenz gegeben, der sich 1933 den Nazis in den Weg stellte und sich z.B. seinerzeit weigerte, Hakenkreuzflaggen am Rathaus aufziehen zu lassen. Er wurde nur wenige Monate nach seiner deutlichen Intervention und seinem erzwungenen Rücktritt tot im Ostersoll aufgefunden.

Ich möchte hier Hans-Christian Schramm, Lehrer, Heimatforscher und Autor zitieren:
„…Fehmarn war in der Zeit von 1933 bis 1945 keineswegs eine Insel der Glückseligen, auf der man von Hitler und den Nazis nichts wissen wollte und mit denen man nichts zu tun gehabt hätte. Jede Kranzniederlegung zur Erinnerung an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft aber an den Gedenkstätten auf unserer Insel widerspricht dieser Vorstellung…“

Der Ort, den ich bereits voriges Jahr für eine Gedenkveranstaltung auserwählt hatte, ist der ehemalige Jüdische Friedhof Fehmarns. Zuwanderer aus Lübeck-Moisling gründeten im 19. Jahrhundert in Burg auf Fehmarn eine Kleinstgemeinde. 1800 legte die Gemeinde auf einem dreieckigen Grundstück an der Straße in Richtung Blieschendorf einen Friedhof an. 1879 fand dort die letzte Beerdigung statt. In den Jahren danach muss sich die jüdische Gemeinde aufgelöst haben. Als 1923/24 die Sundchaussee ausgebaut wurde, gab es auf Fehmarn keine Juden mehr. Sichtbare Grabstätten sind nicht mehr vorhanden. 1957 wurde auf dem Areal ein Gedenkstein gesetzt und 1958 wurde das Grundstück mit einer Hecke umgeben und das Innere zu einem Rasenplatz umgestaltet. Der Gedenkstein wurde 2007 erneuert.

Die Veranstaltung findet nicht statt.

Das Mahnmal unter den Bäumen an der Straße zwischen Blieschendorf und Burg ist aber zugänglich.

Mir persönlich würde es viel bedeuten, wenn im Laufe des 9. und 10. November Menschen einzeln, wie es die Corona-Regeln vorsehen, dort hingehen würden, und vielleicht ein Friedhofslicht, vielleicht auch einen kleinen Stein an diesen Ort mitbringen könnten, wie es im Judentum Brauch ist:

Friedhöfe werden im Judentum als Bet Hachajim (Ort des Lebens) oder Bet Haolam (Ort der Ewigkeit) bezeichnet. Jüdische Gräber dürfen nicht eingeebnet werden, sondern sollen ewig bestehen. Anstelle von Blumen werden kleine Steinchen auf Gräber gelegt. Der Brauch stammt vermutlich daher, dass früher schwere Steine auf Gräber gelegt wurden (z.B. in der Wüste), um die Toten vor wilden Tieren zu schützen und damit die Totenruhe zu gewährleisten. Auch symbolisieren Steine Ewigkeit und Unvergänglichkeit und stehen als Symbol für die Seele, die ebenfalls unvergänglich ist.

Ich danke allen, die ihre Teilnahme zugesagt hatten, u.A. den Pastoren, dem Bürgermeister, und vor allem den geduldigen Behörden, die die Veranstaltung genehmigt hatten, das Hygienekonzept akzeptierten, und auch jetzt mit mir überlegten, wie man im kleinen Rahmen dennoch ein Gedenken zulassen könnte.

Für mich ist eine Lehre aus den 12 Jahren Nationalsozialismus und meiner persönlichen Lebenserfahrung mit vielen wunderbaren Menschen vieler Religionen, dass eines wichtig ist:

Solidarität – und zwar mit jedem und allen!

Diese Solidarität muss in diesen Zeit auch all denen gelten, für die eine Corona-Infektion nicht nur eine „Grippe“ sondern schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen bis hin zum Tod bedeuten könnte. In diesem Sinne können wir, meiner Meinung nach, kein anderes Zeichen setzen, als das der Solidarität, und nicht gemeinsam und in Gruppen diesem Datum gedenken.

Lassen Sie uns alle den 9. und 10. November dafür nutzen, einzeln, aber doch gemeinsam mit Kerzen und Steinen zu zeigen:

Wir vergessen nicht – wir sind solidarisch. Mit den Toten – und mit den Lebenden, die in Gefahr sind. Überall. Bei uns auf Fehmarn, in Deutschland, weltweit.

Noch einmal Hans-Christian Schramm:
„Wir sollten die Warnung, dass die Barbarei meist nur unter einer dünnen Decke der Zivilisation verdeckt ist, nicht vergessen. Was einmal geschah, kann wieder geschehen. Seid wachsam und wehret den Anfängen! Menschenrecht und Freiheit gibt es nicht zum Nulltarif!“

Mit nachdenklichen Grüßen aus Petersdorf

Ihr Eckhard A. Kretschmer
Kantor und Autor

Neuaufbau

Am 15. März 2020, zwei Tage, nachdem Frau Merkel ihre erste grosse Corona-Ansprache gehalten hatte, war nichts mehr, wie es war.

Eigentlich sollte die Saison hier auf Fehmarn losgehen. Und der Inselautor Eckhard A. Kretschmer sollte wieder zum Vollzeit/Vollblut-Verkäufer, Inselorganisten und PR-Mitarbeiter werden.

Aber genau, als der Winterschlaf vorbei war, kam Corona. Die Folge war, dass ich, heute auf den Tag vor acht Wochen, plötzlich zu „Home Office“ verdammt war. Oder, dass ich die Chance bekam, acht Wochen lang konzentriert das Buch fertig zu stellen, das sonst erst deutlich später herausgekommen wäre.

Dieser Stein ist mir bei meinem letzten Spaziergang, bevor die Insel abgeriegelt wurde, aufgefallen. Er hat mich durch die spannende Zeit der Buchentstehung begleitet. Er war da, als ich alles löschen wollte, und es doch nicht tat. Er war da, als aus dem Schreiben ein Überarbeiten wurde, und noch ein Überarbeiten. Und er ist auch jetzt da.

Etwas Beständiges, etwas Schönes, etwas, was auch diese merkwürdigen Zeiten nicht kaputt bekommen. Damit ist er ein stabiler Stein im Fundament. Er ist Teil des neuen Gebäudes, das in Zeiten von Corona entsteht, eines Gebäudes, dessen Grundrisse und Möglichkeiten aus den Erfahrungen, Emotionen und Chancen entstehen, die diese Pandemie bietet.

Jetzt, da viele gezwungen werden, „nicht zu arbeiten“, oder „anders zu arbeiten“, oder ihre Lebensentwürfe neu zu überdenken, wünsche ich mir, dass viele solche „Steine“ gefunden, und viele neue Bauwerke entstehen werden, mit viel Mut, der sonst nicht vorhanden – weil nicht benötigt – gewesen wäre.