Mit nur meinen beiden kleinen Füßen im Sand

Liebe Oma Lene,
ich bins, deine Fenja,
Hier ist es kalt. Und es regnet. Aber die Seeluft ist toll. Sie würde Dir auch gefallen. Ich habe einen Platz gefunden, an dem Du mit dem Rollstuhl richtig nah ans Wasser fahren könntest. Du könntest deine Füße in den Sand halten. Natürlich nur, wenn Du das magst, denn die Muschelscherben piken ein bisschen.
Mama hat mir dann erzählt, als Du ins Krankenhaus gekommen bist. Es war nichts Schlimmes, hat sie gesagt. Und ich habe ein Bild für Dich gemalt, wie Du in Deinem Rollstuhl neben mir hier auf dem Deich sitzt und wir beide zusammen der Sonne zuschauen, wie sie da hinten, im Meer untergeht. Eigentlich geht die Sonne in den letzten Tagen nicht im Meer unter. Sie verschwindet hinter den Wolken über dem Meer. Sie ist plötzlich früher weg, als man will, und mir wird dann immer kalt.
Du bist auch früher weg gewesen, als ich wollte. Es war nichts Schlimmes, haben sie gesagt. Aber Du bist trotzdem daran gestorben, weil sie nicht wussten, was sie dagegen tun können. Wir haben dich nicht besuchen können. Weil wir so weit weg wohnen, hier auf Fehmarn. Und wir haben Dich nicht besuchen dürfen.
Ich habe jeden Tag mit Dir mit dem Handy gesprochen. Ich habe Dich mit ans Meer genommen. Zu diesem Platz. Zu diesem Strand. Und ich habe mich immer gefreut, wenn Du auf meinem Display warst.
Du bist hier geboren Oma Lene. Du gehörst zu Fehmarn. Es ist nicht gut, dass Du so weit weg umgezogen bist damals, wegen Karl, und wegen seiner Arbeit. Du hast uns immer gefehlt. Und es war immer schön, wenn Du hier, in Deinem Zuhause, in dem wir nun ohne Dich leben, zu besuch gewesen bist. Es war in den Wochen immer Dein Haus. Du hast so viel Liebe und Wärme mitgebracht. Das hat immer so lange gereicht, bis Du wieder gekommen bist beim nächsten Mal.
Und wir haben gewusst, wie bei der Sonne: Immer wenn sie geht, kommt sie auch wieder. Auch bei Dir haben wir das gewusst.
Aber Du bist nicht mehr so oft gekommen. Irgendwann nicht mehr. Du hattest nicht mehr die Kraft für die langen Reisen. Und Mama und Papa konnten in der Saison nicht von der Insel weg. Also haben wir Dich immer im Winter besucht zu Deinem Geburtstag.
Im letzten Februar haben wir Deinen 91. Festtag gefeiert. Es waren nicht viele Menschen da. Es war schön, in diesem Wohnheim. Mit Kerzen. Mit Geschenken. Onkel Fiete hat sogar sein Akkordeon von der Insel mitgebracht und wir haben alle das Fehmarn-Lied gesungen. Und dann hast Du ein bisschen geweint.
Danach habe ich Dich nie mehr wirklich gesehen. Nur im Handy. Im März kam Corona. Papa und Mama konnten nicht arbeiten, weil keine Touristen auf Fehmarn erlaubt waren. Und im März kam auch der Anruf, dass Du ins Krankenhaus gebracht worden bist. Aber wir sind nicht zu Dir gefahren.
Niemand durfte zu Dir. Und Du durftest nicht raus. Eine Krankenschwester hat ein Handy und manchmal hat sie mir Dir zusammen bei mir angerufen. Dann haben wir uns gesehen. Es ging Dir nicht gut, Oma Lene. Aber wir haben gelächelt und gesagt, dass alles gut werden wird. Die Ärzte haben das Dir ja auch gesagt. Die Ärzte und Schwestern waren versteckt hinter weißen und grünen Anzügen und Masken wie beim Zahnarzt.
Und immer, wie bei der Sonne, wenn sie untergeht, und ich sie gerne mit Dir gemeinsam
verabschieden möchte, habe ich mich gefreut. Weil ich wusste: Es wird einen neuen Tag geben und einen neuen Anruf.
Aber an dem einen Tag kam der Anruf nicht auf meinem Handy, sondern auf dem von Mama. Mama war sehr still. Dann war sie sehr traurig. Und das ist sie jetzt auch immer noch.
Oma Lene, Du bist an dieser neuen Krankheit gestorben. Diese Krankheit hat gemacht, dass ich nicht bei Dir sein konnte, als es Dir schlecht ging. Ich konnte nicht bei Dir sein, als ich Deinen Trost brauchte. Und ich konnte nicht bei Dir sein, als Du „bestattet“ wurdest.
Ich habe das Schiff gesehen. Von unserem Platz auf dem Deich aus Oma. Von dort, wo Dein Rollstuhl stehen sollte, mit Dir drin. Mit Deinen Füssen neben meinen Füssen im Sand. Es hat lange getutet und Papa und Mama haben mich in den Arm genommen und gesagt, dass Deine Asche jetzt dem Meer übergeben wird. Und dass es Dein Wunsch war, wieder nachhause zu kommen.
Oma Lene. Mama kann mich nicht so trösten wie Du. Papa kann das auch nicht. Ich habe Dir ein Bild gemalt von dem Schiff. Und zusammen mit diesem Brief stecke ich es für Dich jetzt in eine Flasche und werfe sie ins Meer. An Deinem Strand. Auf Deiner Insel.

Mit nur meinen beiden kleinen Füßen im Sand.
Fentje

Diese Kurzgeschichte habe ich 2020 geschrieben. Sie wurde im Buch „Fehmarn hat zu“ veröffentlicht.

„Fehmarn hat zu“ und das Buch „Mit-Gefühl“ gibt es überall, wo es Bücher gibt. In den Buchhandlungen auf Fehmarn und auf dem Festland, und natürlich auch im Internet.

Wer es direkt bei mir kaufen möchte, gerne mit Signatur, darf mich einfach anschreiben: Kontakt

Ein ganz besonderes Buch ist erschienen

Ich durfte mitwirken. Und ich freue mich, einer der vielen Autoren zu sein, die dank Elke Rathsfeld und Claudia Czellnik die Gelegenheit bekamen, mit einem Beitrag vertreten zu sein. Zeitgeschichtlich, zauberhaft, liebevoll, nachdenklich, ganz besonderes eben.

Und damit vielleicht ein Geschenk von besonderen Menschen für besondere Menschen in einer besonderen Zeit?

Fehmarn hat zu!

Auf einmal war das Betreten der Ostseeinsel Fehmarn verboten!

Es war eine ganz besondere Situation zu Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020, als die Inseln in Schleswig-Holstein abgeriegelt wurden, auch die mit einer Brücke – das Urlaubsparadies Fehmarn.
Es bedeutete, dass alle Feriengäste die Insel verlassen mussten und acht Wochen lang keine mehr kommen durften.
Die Insulaner waren unter sich – so wie seit über siebzig Jahren nicht mehr. Das machte Elke Rathsfeld und Claudia Czellnik, beide auf Fehmarn lebend, neugierig, ob dazu die Inselbewohner und ihre Festlandnachbarn Worte finden würden, die zu Beiträgen für dieses besondere Buch erwachsen könnten. Willkommen waren persönliche Eindrücke wie auch fiktive Texte aus der Zeit des coronabedingten Lockdowns.
So entstand diese Sammlung aus ganz unterschiedlichen Werken wie Kurzgeschichten, Krimis, Slam, Gedichten, Satire und Fiktion.
Tauchen Sie mit uns ein in diese außergewöhnliche Zeit: Fehmarn hat zu!

Kurzgeschichten, Krimis, Slam, Gedichte, Satire und Fiktion von der „abgeriegelten“ Insel Fehmarn
Titel-Illustration von Matze Latza

Auch ich bin unter den Autoren, man findet mich ab Seite 38. Hier die ersten Sätze:

Bestellmöglichkeiten für das Buch:

Titel: Fehmarn hat zu!
Autoren: Elke Rathsfeld, Claudia Czellnik, Eckhard A. Kretschmer und viele andere
ISBN Taschenbuch: 978-3-947636-11-2
ISBN ebook: 978-3-947636-21-1
Seiten: 120
Preis: 9,90 € inkl. 7% USt.

Das Buch ist erschienen bei der Median Agentuer Czellnik

Bei jedem Buchhändler

Damit macht Ihr mir die grösste Freude. Denn auch die Buchhändler leiden unter der Corona-Epedemie. Sie mussten in den letzten Monaten teilweise verzweifelt mit ansehen, wie ihre Marktanteile sich in Richtung „Online-Versand“ bewegten. Ein Grund, warum ich meine Bücher nicht direkt bei dem Print-On-Demand-Service bei Amazon herausbringe ist, dass ich die lokalen Buchhändler damit unterstützen möchte, dass meine Bücher eben in jeder Buchhandlung erhältlich sein sollen.
Auf Fehmarn, in Heiligenhafen und Oldenburg gibts das Buch in den Buchhandlungen:

Natürlich kann man das Buch auch direkt von mir bekommen. Auf Wunsch sogar mit Signatur. Entweder schreibt Ihr mir dafür eine Mail an ek@eakretschmer.net oder kontaktiert mich über Facebook, oder ihr kommt einfach in meinem Geschäft hier auf Fehmarn vorbei:
– Babykutter Fehmarn, Sahrensdorfer Strasse 2, Burg auf Fehmarn

Euer Eckhard A. Kretschmer

Die Autoren und Autorinnen des Mitmachbuches:

  • Bader Abu Saymeh
  • Polina Abu Saymeh
  • Elke Andresen
  • Dr. Stephan von Brandis
  • Barbara Brock
  • Franco Confetti
  • Claudia Czellnik
  • Amrei Fock
  • Gesine Hansen
  • Michael Kirchner
  • Wencke Köneking
  • Frank Pleiser
  • Dr. Elke Rathsfeld
  • Gaby Reimers
  • Corina Schultz
  • Eckhard Kretschmer
  • Helmut H. Krüger
  • Beate Neubauer
  • Matthias Offner
  • Merle Schürmann
  • St. Katharinen Chor
  • Großenbrode
  • Marisa Störtenbecker
  • Ingrid Witt

Korrektorat : Marina Reif

Volkstrauertag – Frieden, von dem wir niemanden ausschliessen?

Heute ist Volkstrauertag. Ich bin 1967 geboren. Für mich könnte dieser Tag ein wenig wenig antiquiert wirken. Es könnte für mich einer dieser Sonntag sein, die ein „junger“ Mensch eher unter Brauchtumspflege einordnen würde, ein Sonntag, der sich in die Reihe der Sonntage einreiht, die im Herbst die Sonne, das Licht und die Fröhlichkeit immer kleiner werden lassen, bis hin zum Totensonntag, mit dem ich etwas anfangen kann. Denn da machen alle Menschen die Gräber ihrer Verstorbenen schön. Es werden ganz viele Grablichter aufgestellt und so manche Familie erinnert sich mehr als sonst an die in diesem, und in den Vorjahren verstorbenen Familienangehörigen.

Ich habe diesen Tag genutzt, um ein wenig mehr als sonst zuzuhören, um ein wenig mehr als sonst zu versuchen, zwischen dem, was ich denke, zu wissen, und dem, was man historische Fakten nennt, eine Versöhnung stattfinden zu lassen.

Denn Versöhnung ist eines der Zauberworte, mit dem man denen, für deren Andenken so ein Volkstrauertag gedacht ist, gerecht werden könnte.

Ich selbst kenne diesen Tag seit meiner Schulzeit. Nein. Zuhause war er kein Thema. Aber als Ersatz-Organist eines Jugendchores, der auch bei öffentlichen Veranstaltungen auftrat, probten wir auch für den Volkstrauertag. Unmittelbar damit verbunden war für mich in meiner Jugend der VdK, den man damals noch „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands“ nannte. In ihm waren ehemalige Soldaten vereinigt, die Treffen abhielten, sich an alte Zeiten, Kriegszeiten, Notzeiten gemeinsam erinnerten. In ihm war auch der Invalide ohne Beine, der in meiner Kindheit immer mit einem besonderen Rollstuhl in meinem Stadtteil unterwegs war, den er mit den Armen bedienen konnte. Elektrorollstühle gab es damals noch nicht.

Heute Morgen erfuhr ich im Radio, dass der Volkstrauertag keine Schöpfung einer Veteranen-Organisation der Hitler-Armeen ist, sondern, dass der Volkstrauertag vornehmlich vom VdK zusammen mit der SPD gefordert und etabliert, und einen Tag nach dem Tod Friedrich Eberts im Parlament der Weimarer Republik 1919 zum ersten Mal durchgeführt wurde. So gut wie jede Familie hatte seinerzeit Gefallene zu beklagen. Persönliche Schicksale fanden ein jähes Ende. Die Kriege des letzten Jahrhunderts bestanden noch zu einem großen Teil daraus, dass unermesslich viele wertvolle Menschen auf der einen Seite in den Kampf zogen, um unermesslich viele Menschen auf der anderen Seite zu ermorden.

Es war weniger ein Gedenken der Helden einer Sache oder Ideologie, sondern ein Andenken an die so jung und so sinnlos gefallenen Väter, Brüder, Söhne und Enkel. Damit war der Tag von Anfang an ein tränenüberströmter Tag des Rufes nach Frieden.

Als Kirchenorganist nehme ich an solchen Veranstaltungen automatisch teil. Und habe auch heute genau zugehört. Und auch beobachtet. In einem der Dörfer auf Fehmarn habe ich seit Jahren das erste Mal wieder Soldaten in Uniform gesehen. Zwei Marine-Soldaten standen am Ehrenmal. Sie waren unter Beachtung der Pandemievorschriften nicht mit in der Kirche gewesen und standen dort in ihren sehr dunkelblauen oder schwarzen Paradeuniformen und Kopfbedeckungen mit olivgrünen Masken. Diejenigen, die der Toten gedachten, waren bis auf zwei Ausnahmen alle so alt, dass sie mit Sicherheit noch direkte Angehörige im Zweiten Weltkrieg verloren haben könnten. Junge Menschen waren nicht zu sehen.

Der zweite Gottesdienst, diesmal im Inselwesten, endete außen vor der Kirche. Nicht am Kriegerdenkmal des Ortes, das es durchaus auch gibt, Am Dorfteich, ungefähr 300 Meter von der Kirche entfernt, sondern an einer Gedenktafel für Zwangsarbeiter, die vor wenigen Wochen erst enthüllt wurde, auf der die Namen der auf Fehmarn verstorbenen Zwangsarbeiter aufgeführt sind. Die Recherchen dazu hatten einige Schülerinnen und u.A. die Frau des örtlichen Pastors sorgfältig durchgeführt.

Die Schülerinnen waren nicht die einzigen jüngen Menschen, die an der Zeremonie teilnahmen. Insgesamt war der Altersdurchschnitt deutlich niedriger. Der Kreis derer, denen man gedachte, war, wenn man die Worte des Pastors verglich, in beiden Gemeinden gleich, und seine Worte entsprachen dem, was der ehemalige Bundespräsident an jenem Tag auch gesagt hatte:

„Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.
Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.
Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.
Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.
Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten, und teilen ihren Schmerz.
Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern,
und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.“

Ich wurde immer versöhnte mit diesem Tag, der mir ursprünglich als Kind sehr militaristisch, sehr kriegsverherrlichend und irgendwie sehr auf eine einige Gruppe Menschen beschränkt vorkam.

„Opfer von Gewalt und Krieg, Kinder, Frauen und Männer aller Völker“ wurden betrauert. Würdevoll. Menschlich. Bei beiden Veranstaltungen. Es ging also an diesem Tag nicht nur um Menschen deutscher Herkunft, die in Uniform vom Feind getötet worden waren, sondern, um wirklich alle Opfer von Gewalt und Krieg?

Die Hinterbliebenen, Nachkommen, Freunde von Verstorbenen trauerten gemeinsam und würdevoll.

Es ging nicht mehr um Uniformierte, die Ehrenwache für Uniformierte halten. Es waren Menschen, die um Menschen trauerten. Egal, welches Volk, welche Armee, welches Schicksal, welche Ungerechtigkeit sie zu einem der betrauerten Opfer gemacht hatte.

Die Lebenden waren sich nahe beim Gedenken an diese Opfer Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wird eine solche Veranstaltung in Zukunft überflüssig? Die meisten Deutschen kennen im Alltag keine Armee mehr. Sie haben schon lange keine uniformierten Soldaten persönlich und aus der Nähe gesehen. Gut. Wir sind weltweit an einigen Krisenherden mit Soldaten vertreten. Man darf sich fragen, ob das so sein muss. Man darf und muss akzeptieren, wenn es Menschen gibt, die der Auffassung sind, dass die freiheitlich demokratische Grundordnung Deutschlands auch durch eigenes Personal am Hindukusch verteidigt werden muss.

Überflüssig wird eine solche Veranstaltung aber schon deshalb nicht, weil uns die Toten zweier Weltkriege, die Opfer von Verfolgung, Ausrottung, Diskriminierung nie egal sein werden.

Und wenn wir, was in der heutigen Zeit der inflationären Verfügbarkeit an Informationen in Echtzeit aus allen Weltregionen der Normalzustand ist, sehen, wieviele Menschen täglich in Kriegen sterben, auf der Flucht vor Verfolgung, vor Gewalt, vor Hunger, vor Diskriminierung, an Krankheiten, die es vorher nicht gab und durch Strahlungsfreisetzung, die es ohne Menschen nie geben würde, fragte ich mich heute, wie schön, wertvoll und richtig es doch wäre, wenn dieser Volkstrauertag, der absolut nichts Nationalistisches, Faschistisches in sich trägt, sondern eine Gelegenheit für die Lebenden ist, gemeinsam um diejenigen aller Völker zu trauern, die durch Krieg, Gewalt, Verfolgung und so viel mehr ums Leben gekommen sind, und vermisst werden. Individuell von Menschen, denen sie nahe waren, und die ihnen nahe waren.


Unter uns leben Menschen, die in den letzten Jahren, Monaten, Wochen, ja Tagen Angehörige in Kriegen verloren haben, die wir nur aus dem Fernsehen kennen. Unter uns leben Menschen, die der Verfolgung und Töten aufgrund ihrer Einstellung, ihres Glaubens, ihrer Religion gerade noch so entkommen sind, und deren Angehörige es nicht alle geschafft haben, sich ebenfalls in Sicherheit zu bringen.

Von diesen Menschen war niemand da heute. Am Volkstrauertag. Zur Erinnerung. Es war der Tag, an dem es heißt:

„Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.
Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.
Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.
Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.
Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten, und teilen ihren Schmerz.
Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern,
und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.“

Ich wurde immer versöhnte mit diesem Tag, der mir ursprünglich als Kind sehr militaristisch, sehr kriegsverherrlichend und irgendwie sehr auf eine einige Gruppe Menschen beschränkt vorkam.

Mein Wunsch an die Menschheit ist, dass wir alle Grenzen abbauen, die uns daran hindern, gemeinsam als Menschen zu trauern, sich zu trösten, sich zu erinnern, und zu gedenken. Ich wünsche mir Volkstrauertage in Zukunft, die für alle offen sind, und an denen alle Menschen denen gedenken, die sie vermissen, weil sie zu früh gestorben sind. Egal, wo sie geboren wurden, wie sie nach Deutschland gekommen sind, was sie glauben, was sie erlebt haben, und welche Sprachen sie sprechen.

Denn das ist in meinen Augen einer der wichtigsten Schlüssel zu dem, was wir alle suchen, egal welche Sprache wir sprechen, und wie und wo wir aufgewachsen sind:

Frieden

Eckhard A. Kretschmer
Kantor, Organist und Autor auf Fehmarn

Gedenkveranstaltung – eine Absage

Liebe Mitmenschen,

schweren Herzens muss ich die Veranstaltung zum Gedenken an die Reichskristallnacht absagen, die für den Abend des 9. November 2020 geplant war.
Schweren Herzens, weil dieses Datum absolut zu denen gehört, die nicht vergessen werden dürfen. Schweren Herzens auch, weil Fehmarn zwar keine direkte und mit Namen und Einzelschicksalen dokumentierbare Geschichte der Judenverfolgung vorweisen kann, weil es zum Zeitpunkt der Machtergreifung keine Juden auf Fehmarn gab, hier auf der Insel wurden Zwangsarbeiter ausgebeutet, ermordet und verscharrt, so war es doch Rückzugsraum für relevante Persönlichkeiten des Massenmordes am jüdischen Volk. Himmler (Ehrenbürger Fehmarns) und Heydrich, der eine besondere familiäre Beziehung zu Fehmarn pflegte, und dessen Witwe noch viele Jahrzehnte hier lebte, luden gerne ihre Akkus auf, um anschliessend dem Diktator Adolph Hitler zu diensten zu sein bei seinem perfiden, wiederwärtigen Plan, das Jüdische Volk auszulöschen.

Fehmarn hatte durchaus auch seine nationalsozialistische Geschichte. Schon ab April 1933 eine Adolf-Hitler-Strasse (die Breite Strasse in Burg) und einen Adolf-Hitler-Platz (in Petersdorf). Es hat aber auch den Bürgermeister Claus Lafrenz gegeben, der sich 1933 den Nazis in den Weg stellte und sich z.B. seinerzeit weigerte, Hakenkreuzflaggen am Rathaus aufziehen zu lassen. Er wurde nur wenige Monate nach seiner deutlichen Intervention und seinem erzwungenen Rücktritt tot im Ostersoll aufgefunden.

Ich möchte hier Hans-Christian Schramm, Lehrer, Heimatforscher und Autor zitieren:
„…Fehmarn war in der Zeit von 1933 bis 1945 keineswegs eine Insel der Glückseligen, auf der man von Hitler und den Nazis nichts wissen wollte und mit denen man nichts zu tun gehabt hätte. Jede Kranzniederlegung zur Erinnerung an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft aber an den Gedenkstätten auf unserer Insel widerspricht dieser Vorstellung…“

Der Ort, den ich bereits voriges Jahr für eine Gedenkveranstaltung auserwählt hatte, ist der ehemalige Jüdische Friedhof Fehmarns. Zuwanderer aus Lübeck-Moisling gründeten im 19. Jahrhundert in Burg auf Fehmarn eine Kleinstgemeinde. 1800 legte die Gemeinde auf einem dreieckigen Grundstück an der Straße in Richtung Blieschendorf einen Friedhof an. 1879 fand dort die letzte Beerdigung statt. In den Jahren danach muss sich die jüdische Gemeinde aufgelöst haben. Als 1923/24 die Sundchaussee ausgebaut wurde, gab es auf Fehmarn keine Juden mehr. Sichtbare Grabstätten sind nicht mehr vorhanden. 1957 wurde auf dem Areal ein Gedenkstein gesetzt und 1958 wurde das Grundstück mit einer Hecke umgeben und das Innere zu einem Rasenplatz umgestaltet. Der Gedenkstein wurde 2007 erneuert.

Die Veranstaltung findet nicht statt.

Das Mahnmal unter den Bäumen an der Straße zwischen Blieschendorf und Burg ist aber zugänglich.

Mir persönlich würde es viel bedeuten, wenn im Laufe des 9. und 10. November Menschen einzeln, wie es die Corona-Regeln vorsehen, dort hingehen würden, und vielleicht ein Friedhofslicht, vielleicht auch einen kleinen Stein an diesen Ort mitbringen könnten, wie es im Judentum Brauch ist:

Friedhöfe werden im Judentum als Bet Hachajim (Ort des Lebens) oder Bet Haolam (Ort der Ewigkeit) bezeichnet. Jüdische Gräber dürfen nicht eingeebnet werden, sondern sollen ewig bestehen. Anstelle von Blumen werden kleine Steinchen auf Gräber gelegt. Der Brauch stammt vermutlich daher, dass früher schwere Steine auf Gräber gelegt wurden (z.B. in der Wüste), um die Toten vor wilden Tieren zu schützen und damit die Totenruhe zu gewährleisten. Auch symbolisieren Steine Ewigkeit und Unvergänglichkeit und stehen als Symbol für die Seele, die ebenfalls unvergänglich ist.

Ich danke allen, die ihre Teilnahme zugesagt hatten, u.A. den Pastoren, dem Bürgermeister, und vor allem den geduldigen Behörden, die die Veranstaltung genehmigt hatten, das Hygienekonzept akzeptierten, und auch jetzt mit mir überlegten, wie man im kleinen Rahmen dennoch ein Gedenken zulassen könnte.

Für mich ist eine Lehre aus den 12 Jahren Nationalsozialismus und meiner persönlichen Lebenserfahrung mit vielen wunderbaren Menschen vieler Religionen, dass eines wichtig ist:

Solidarität – und zwar mit jedem und allen!

Diese Solidarität muss in diesen Zeit auch all denen gelten, für die eine Corona-Infektion nicht nur eine „Grippe“ sondern schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen bis hin zum Tod bedeuten könnte. In diesem Sinne können wir, meiner Meinung nach, kein anderes Zeichen setzen, als das der Solidarität, und nicht gemeinsam und in Gruppen diesem Datum gedenken.

Lassen Sie uns alle den 9. und 10. November dafür nutzen, einzeln, aber doch gemeinsam mit Kerzen und Steinen zu zeigen:

Wir vergessen nicht – wir sind solidarisch. Mit den Toten – und mit den Lebenden, die in Gefahr sind. Überall. Bei uns auf Fehmarn, in Deutschland, weltweit.

Noch einmal Hans-Christian Schramm:
„Wir sollten die Warnung, dass die Barbarei meist nur unter einer dünnen Decke der Zivilisation verdeckt ist, nicht vergessen. Was einmal geschah, kann wieder geschehen. Seid wachsam und wehret den Anfängen! Menschenrecht und Freiheit gibt es nicht zum Nulltarif!“

Mit nachdenklichen Grüßen aus Petersdorf

Ihr Eckhard A. Kretschmer
Kantor und Autor

Kimo, sein Kumpel und die Erdnüsse

Aaron habe ich vor einigen Wochen leider tot gefunden und beerdigt. Der kleine Vogel von damals, den mir Aaron gezeigt hat, ist jetzt schon groß geworden. Jedenfalls glaube ich, dass es derselbe Vogel ist. Hat nämlich eine Besonderheit: Wenn er nicht fliegt, sondern sitzt, oder auf dem Strand herumläuft, hat er eine ziemlich kantige Flügelhaltung. Die erinnert mich ein wenig an den japanischen Kimono. Und dieses „Kantige“ meine ich, hätte ich bei dem im Verhältnis zu Aaron kleinen Vogel Anfang des Jahres auch festgestellt.

Wie auch immer. Ich habe diesen Vogel, den ich von den anderen dort unterscheiden kann, Kimo genannt.

Kimo kommt nicht so nahe zu mir wie Aaron früher. Noch nicht. Aber manchmal begrüßt er mich schon am Parkplatz und fliegt dann so, dass er meine Hunde und mich im Auge behält.

Wir haben ein kleines Ritual eingeführt. Ich habe für Kimo und seinen Kumpel, mit dem er meist zusammen an Strand herumstochert oder auf einem Ast sitzt, jeden Morgen je eine Erdnuss in der Tasche. Diese Erdnüsse lege ich dann auf zwei Pfosten, von denen die Rabenvögel sie sich dann holen. Manchmal knacken sie ihre Nüsse sofort und fressen den Inhalt. Manchmal schnappen sie sich die Nüsse und verschwinden damit hinter dem Deich.

Es gibt Tage, da sehe ich meine Freunde nicht persönlich. Entweder sie haben unglaublich wichtige Dinge zu erledigen, wie zum Beispiel Aas am Rand der Bundesstraße oder Krebsteile an einem anderen Strandabschnitt, oder aber ich komme deutlich früher oder später als sonst an „unseren“ Strand. Und natürlich bekommen sie auch an diesen Tagen ihre Nüsse. Ich lege sie dann auf die Pfosten. Am nächsten Tag finde ich unten die leeren Schalen, oder nichts, oder, bei Sturm auch mal komplette Erdnüsse, wenn der Wind sie einfach heruntergeweht hat.

Seitdem „binde“ ich sie den beiden ab einer gewissen Windstärke jeweils mit einem Grashalm an den Pfosten fest. Sie sind so geschickt, dass sie die Nüsse befreien, und damit davon fliegen. Heute Morgen habe ich das beobachten, aber leider nicht fotografieren können.

Auch das ist ein wenig das „Mit-Gefühl“, das ich lebe, und im Buch beschreibe …

Titel: Mit-Gefühl
Autor: Kretschmer, Eckhard A.
ISBN print: 9783751917780
ISBN ebook: 9783751928236
BoD-Nr. 1470421
Seiten: 368
Preis: 12,90 € inkl. 7% USt.

Bei jedem Buchhändler

Damit macht Ihr mir die grösste Freude. Denn auch die Buchhändler leiden unter der Corona-Epedemie. Sie mussten in den letzten Wochen verzweifelt mit ansehen, wie ihre Marktanteile sich in Richtung „Online-Versand“ bewegten. Ein Grund, warum ich mein Buch nicht direkt bei dem Print-On-Demand-Service bei Amazon herausbringe ist, dass ich die lokalen Buchhändler damit unterstützen möchte, dass mein Buch eben in jeder Buchhandlung erhältlich sein soll. Es muss bestellt werden. Keiner kann erwarten, dass jedes Buchgeschäft mein Buch gleich am Montag morgen „im Schaufenster“ oder im Regal hat. Es kann sogar sein, dass es ein paar Tage dauert, bis die Datenbanken, in denen Buchhändler suchen, aktualisiert sind, also nicht verzweifeln.
Auf Fehmarn, in Heiligenhafen und Oldenburg gibts das Buch in den Buchhandlungen:

Bei Buchhandel.de und Genialokal.de kann man sich online informieren und dann in der Buchhandlung seiner Wahl das Buch kaufen

Bei BOD im Onlineshop

Dort wird mein Buch gedruckt. Im Vergleich zu einer Bestellung bei anderen Online-Diensten bleiben ein paar Cent mehr für mich übrig, wenn ihr direkt bei BOD bestellt:

Direkt bei mir 😉

Natürlich kann man das Buch auch direkt von mir bekommen. Auf Wunsch sogar mit Signatur. Entweder schreibt Ihr mir dafür eine Mail an ek@eakretschmer.net oder kontaktiert mich über Facebook, oder ihr kommt einfach in meinem Geschäft hier auf Fehmarn vorbei:
Babykutter Fehmarn, Sahrensdorfer Strasse 2, Burg auf Fehmarn

Online fair bestellen:

buch7 Logo
ecolibriEcobookstore, der grüne Online-Buchhandel
Fairbuch.deAmazon
(Wäre nicht meine erste Wahl, aber
wenn Ihr über Amazon bestellen wollt,
dann bitte gerne über diesen Link, denn
dann habe ich auch etwas von Eurem Kauf)

Ein Buch für einen besonderen Freund

Heute habe ich mich ganz besonders gefreut, wieder etwas von meinem Freund Rainer zu hören. Rainer ist der junge Mann links im Bild.

Genau vor einem Jahr haben wir uns das erste Mal persönlich gesehen. Telefoniert hatten wir schon vorher, und, bei manchen Menschen, da stimmt einfach die Chemie. So wie bei Rainer und mir. Eigentlich wollte er in Kapitänsuniform auftreten, und hatte für mich das Fischerhemd mitgebracht aus seiner Heimatstadt an der Nordsee. Wenige Minuten vor dem Auftritt stellten wir fest, dass er in der Uniform nichts aussah, sage ich jetzt mal nett formuliert, und ich in dem Fischerhemd noch viel weniger. Wir haben also quasi während das Brautpaar von der Leuchtturmhochzeit schon unterwegs war in das Strandcafe noch schnell „die Kostüme getauscht“.

Die Hochzeitsgesellschaft wird, da bin ich mir sicher, Rainers und meinen Auftritt nicht so schnell vergessen.

Seitdem habe ich Rainer nicht mehr persönlich gesehen. Ich komme von der Insel kaum weg, er von der Nordsee. Aktuell fordert sein Leben und seine Familie seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Corona kam noch dazu.

Heute haben wir lange telefoniert, und er hat sich entschieden, dass die Uniform bei mir als „Dauerleihgabe“ bleiben darf. Ich werde sie in Ehren halten.

Sehr interessiert hat ihn mein Buch „Mit-Gefühl“. Er kennt mich durch unsere Gespräche gut. Und er hat seit März am Telefon mitverfolgen können, wie aus der Idee ein Gegenstand wurde, den man in die Hand nehmen, in dem man Blättern, versinken, weinen, manchmal auch lachen, sich wiederfinden, oder ein Wenig von mir finden kann.

Und so macht sich heute ein Buch „Mit-Gefühl“ mit sehr viel Gefühl und den besten Wünschen auf den Weg von der Ostsee an die Nordsee!

Bleib stark Rainer! Ein Anderer hätte längst aufgegeben!

Ich freue mich, dass wir uns vor einem Jahr über den Weg gelaufen sind!

Presse-Echo

Worum geht es denn eigentlich in dem Buch? Ich sehe, darauf bist Du abgebildet, mit einem Deiner Hunde, und ihr schaut zur Fehmarnsundbrücke.

Es geht um Mitgefühl. Es geht darum, Menschen zu berühren, mit Dingen, über die man sonst so nicht spricht. Wahrscheinlich als Mann noch weniger. Die Texte, die die Menschen am meisten berührt haben, waren Worte der Empathie. So zum Beispiel, als ich eine Flaschenpost gefunden hatte, und auf Wunsch der Versenderin wieder ins Meer warf. Ich wollte unbedingt, dass sie weiss, dass ihre Nachricht angekommen ist, und wo ihre Flasche jetzt weiterreist. Also habe ich meine Gedanken und Gefühle dazu aufgeschrieben.
Oder zum Beispiel, Ostersonntag letztes Jahr. Da habe ich das erste Mal im Leben einen Ostergottesdienst auf dem Dorf erleben dürfen, der in dunkler Nacht anfängt. Die Gemeinde ist nach draußen zu einem Feuerkorb gegangen. Es wurde gelesen und gesungen. Und es war so berührend, wie die Natur erwachte, die Sonne aufging, und vor allem, wie wunderschön die Vögel gesungen haben. Als ich dann zu meinem zweiten Gottesdienst gefahren bin, war schon einer dieser wunderbaren Sänger Opfer eines schnellfahrenden Autos gewesen. Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, habe ich letztes Jahr aufgeschrieben, und vertraue sie in diesem Buch auch meinen Lesern an.

Das ganze Interview kann hier nachgelesen werden:

Eckhard A. Kretschmer beim Interview mit der OSTHOLSTEIN PRESSE. / FOTO: DENNIS ANGENENDT

Neuaufbau

Am 15. März 2020, zwei Tage, nachdem Frau Merkel ihre erste grosse Corona-Ansprache gehalten hatte, war nichts mehr, wie es war.

Eigentlich sollte die Saison hier auf Fehmarn losgehen. Und der Inselautor Eckhard A. Kretschmer sollte wieder zum Vollzeit/Vollblut-Verkäufer, Inselorganisten und PR-Mitarbeiter werden.

Aber genau, als der Winterschlaf vorbei war, kam Corona. Die Folge war, dass ich, heute auf den Tag vor acht Wochen, plötzlich zu „Home Office“ verdammt war. Oder, dass ich die Chance bekam, acht Wochen lang konzentriert das Buch fertig zu stellen, das sonst erst deutlich später herausgekommen wäre.

Dieser Stein ist mir bei meinem letzten Spaziergang, bevor die Insel abgeriegelt wurde, aufgefallen. Er hat mich durch die spannende Zeit der Buchentstehung begleitet. Er war da, als ich alles löschen wollte, und es doch nicht tat. Er war da, als aus dem Schreiben ein Überarbeiten wurde, und noch ein Überarbeiten. Und er ist auch jetzt da.

Etwas Beständiges, etwas Schönes, etwas, was auch diese merkwürdigen Zeiten nicht kaputt bekommen. Damit ist er ein stabiler Stein im Fundament. Er ist Teil des neuen Gebäudes, das in Zeiten von Corona entsteht, eines Gebäudes, dessen Grundrisse und Möglichkeiten aus den Erfahrungen, Emotionen und Chancen entstehen, die diese Pandemie bietet.

Jetzt, da viele gezwungen werden, „nicht zu arbeiten“, oder „anders zu arbeiten“, oder ihre Lebensentwürfe neu zu überdenken, wünsche ich mir, dass viele solche „Steine“ gefunden, und viele neue Bauwerke entstehen werden, mit viel Mut, der sonst nicht vorhanden – weil nicht benötigt – gewesen wäre.