Eine Reise – Ein Buch – Eine Leseprobe für Euch

Mail: 25.06.17 / Von: JOlbricht / AN: JOlbricht / Betreff: erster Brief an Papa

Lieber Papa,

Lieber Jong Dae,

Hallo Herr Kim,

Du,

Sie,

Wie redet man überhaupt seinen Vater auf Koreanisch an? Ich weiß es nicht. Denn ich habe Dich schon verloren, bevor ich überhaupt reden konnte. Ich habe mit Mama über Dich gesprochen. Später. Aber da war es der Papa. Und der war weg. Total weg. Bevor ich ihn überhaupt richtig in mich aufsaugen konnte. Bevor ich überhaupt bewusst Deine Umarmung genießen konnte. Bevor ich in der Lage war, Dir zu sagen, was ich für Dich fühle. Ja, was fühle ich denn? Was fühlte ich denn? Papa, das wird für uns beide nicht einfach. Was ich jetzt mache. Ich schreibe Dir, einem total wichtigen Menschen, der Ursache für überhaupt meine Existenz ist. Und für Dich. Weil, ich kann nicht wissen, ob Du das überhaupt einmal lesen wirst. Und dann, was Du fühlen wirst, wenn Dein Baby, Dein Kind, Deine Jessica Dir schreibt. Ob Du überhaupt etwas fühlen wirst? Hat man Vatergefühle, wenn man fast 30 Jahre lang sein Kind nicht gesehen hat?

Scheiße! Dein Fleisch und Blut hockt hier in Frankfurt in einer Altbauwohnung in der Küche, und heult dass die Tastatur fast schon glänzt.

Papa. Das wird nicht einfach mit uns beiden. Weißt Du, was ich von Dir habe? Ich meine, außer meinen schwarzen Haaren, und diesen Augenbrauen, die Richtung Nase buschig sind und nach außen zu feinen Linien werden? Nichts habe ich weiter. Außer einem Schwarzweißfoto vom Tag irgend einer Diplomübergabe. Du hast ein weißes Hemd an. Eine Krawatte mit irgendwelchen runden Symbolen und Blumen drauf. Und Du hast so liebe und so gütige Augen. Kein Wunder, dass Mama sich in Dich verliebt hat.

Aber zurück zu uns beiden. Einen ganz großen Schatz habe ich. Etwas, was Du berührt hast. Etwas, was Du da gelassen hast, als Du komplett und fast spurlos aus unserem Leben verschwunden bist. Ich kann es sehen. Ich kann es anfassen. Und ich kann es hören. Seit meinem Geburtstag schlafe ich mit dem Geräusch ein, was mich mit Dir verbindet. Ich weiß fast nichts mehr. Ich erinnere mich nicht. Und das Wenige, da weiß ich nicht, ob ich es aus Erzählungen von Mama habe, oder wirklich mich selbst erinnere. Aber, Papa. Das eine Geräusch das habe ich immer bei mir, seit es mir Mama im April zu meinem Geburtstag geschenkt hat. Du hast es damals ihr geschenkt. Damals, 1989 in Dresden.

Erinnerst Du Dich überhaupt daran, was Du ihr geschenkt hast?

Erinnerst Du Dich, wenn sie die Uhr abends abgelegt hatte, dass Du sie immer genommen und mir vorsichtig ans Ohr gehalten hast?

Hast Du das gemacht, weil ich Dich genervt habe, und Du mich damit still kriegen konntest?

Oder hast Du es gemacht, weil Du mich liebtest und ich das Geräusch so toll fand?

Ich hoffe so, dass Du mir dieses kleine, zarte Geräusch als Baby gegeben hast, weil Du mich geliebt hast, und weil Du auch ein kleines Bisschen stolz warst? Auf mich? Ja?

Papa, das wird alles gar nicht einfach mit Dir und mir. Ich weiß nicht, ob Du überhaupt weißt, was eine Mail ist? Und wenn ja, ob Du eine Mailadresse hast? Ich möchte Dir schreiben. Ich möchte, dass Du es liest. Und weiß nicht, wohin ich es schicken, wem es zeigen soll. Und dabei kommen wir Dich doch bald sogar besuchen. Wie kann ich Dir das sagen? Uns ankündigen? Willst Du mich überhaupt sehen? Kennenlernen? Eigentlich ist es so traurig, dass der eigene Vater die Tochter erst kennenlernen müsste, oder? Ich habe einen Plan. Eigentlich hatte Andreas den Plan. Den kennst Du nicht, und er ist der wichtigste Mann in meinem Leben. Mit Arnulf, den Du auch nicht kennst. Und mit Dir natürlich. Andreas hat gesagt, es ist falsch, Dir nicht zu schreiben. Und es ist nicht wichtig, wann welcher Brief bei Dir ankommt. Aber für mich soll es wichtig sein, überhaupt Dir zu schreiben.

Also, ich schreibe jetzt ab und zu einen Brief an Dich, Papa. Per Mail. An meine eigene Mailadresse. Ich weiß, das ist doof. Aber Deine habe ich ja nicht. Und dann schiebe ich alle Mails für Dich ungelesen in einen Ordner mit dem Namen Papa.

Und irgendwie. Ach, ich weiß doch auch nicht. Aber ich wünsche mir, dass Du das irgendwann liest. Und ich möchte irgendwann eine Antwort in meiner Mail finden, von Dir. Von meinem Papa. Muss ja kein Roman sein. Ich glaube, würde verrückt, wenn da auf einmal eine Mail von Dir wäre.

Papa, Deine Tochter wünscht sich gerade nichts so sehr, wie eine Umarmung von Dir. Keine Erklärung. Kein Gespräch. Keine Übersetzung durch irgendwen. Einfach dieses Gefühl, dass eine Tochter einen Papa hat. Das möchte ich haben. Und bis diese Mail kommt, höre ich das Geräusch, das Du definitiv gehört hast. Vor 28 Jahren, als Du an meine Wiege gekommen bist mit dieser riesengroßen Uhr.

Deine noch (?) fremde Tochter Jessica

Tik Tak Tik Tak