Volkstrauertag – Frieden, von dem wir niemanden ausschliessen?

Heute ist Volkstrauertag. Ich bin 1967 geboren. Für mich könnte dieser Tag ein wenig wenig antiquiert wirken. Es könnte für mich einer dieser Sonntag sein, die ein „junger“ Mensch eher unter Brauchtumspflege einordnen würde, ein Sonntag, der sich in die Reihe der Sonntage einreiht, die im Herbst die Sonne, das Licht und die Fröhlichkeit immer kleiner werden lassen, bis hin zum Totensonntag, mit dem ich etwas anfangen kann. Denn da machen alle Menschen die Gräber ihrer Verstorbenen schön. Es werden ganz viele Grablichter aufgestellt und so manche Familie erinnert sich mehr als sonst an die in diesem, und in den Vorjahren verstorbenen Familienangehörigen.

Ich habe diesen Tag genutzt, um ein wenig mehr als sonst zuzuhören, um ein wenig mehr als sonst zu versuchen, zwischen dem, was ich denke, zu wissen, und dem, was man historische Fakten nennt, eine Versöhnung stattfinden zu lassen.

Denn Versöhnung ist eines der Zauberworte, mit dem man denen, für deren Andenken so ein Volkstrauertag gedacht ist, gerecht werden könnte.

Ich selbst kenne diesen Tag seit meiner Schulzeit. Nein. Zuhause war er kein Thema. Aber als Ersatz-Organist eines Jugendchores, der auch bei öffentlichen Veranstaltungen auftrat, probten wir auch für den Volkstrauertag. Unmittelbar damit verbunden war für mich in meiner Jugend der VdK, den man damals noch „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands“ nannte. In ihm waren ehemalige Soldaten vereinigt, die Treffen abhielten, sich an alte Zeiten, Kriegszeiten, Notzeiten gemeinsam erinnerten. In ihm war auch der Invalide ohne Beine, der in meiner Kindheit immer mit einem besonderen Rollstuhl in meinem Stadtteil unterwegs war, den er mit den Armen bedienen konnte. Elektrorollstühle gab es damals noch nicht.

Heute Morgen erfuhr ich im Radio, dass der Volkstrauertag keine Schöpfung einer Veteranen-Organisation der Hitler-Armeen ist, sondern, dass der Volkstrauertag vornehmlich vom VdK zusammen mit der SPD gefordert und etabliert, und einen Tag nach dem Tod Friedrich Eberts im Parlament der Weimarer Republik 1919 zum ersten Mal durchgeführt wurde. So gut wie jede Familie hatte seinerzeit Gefallene zu beklagen. Persönliche Schicksale fanden ein jähes Ende. Die Kriege des letzten Jahrhunderts bestanden noch zu einem großen Teil daraus, dass unermesslich viele wertvolle Menschen auf der einen Seite in den Kampf zogen, um unermesslich viele Menschen auf der anderen Seite zu ermorden.

Es war weniger ein Gedenken der Helden einer Sache oder Ideologie, sondern ein Andenken an die so jung und so sinnlos gefallenen Väter, Brüder, Söhne und Enkel. Damit war der Tag von Anfang an ein tränenüberströmter Tag des Rufes nach Frieden.

Als Kirchenorganist nehme ich an solchen Veranstaltungen automatisch teil. Und habe auch heute genau zugehört. Und auch beobachtet. In einem der Dörfer auf Fehmarn habe ich seit Jahren das erste Mal wieder Soldaten in Uniform gesehen. Zwei Marine-Soldaten standen am Ehrenmal. Sie waren unter Beachtung der Pandemievorschriften nicht mit in der Kirche gewesen und standen dort in ihren sehr dunkelblauen oder schwarzen Paradeuniformen und Kopfbedeckungen mit olivgrünen Masken. Diejenigen, die der Toten gedachten, waren bis auf zwei Ausnahmen alle so alt, dass sie mit Sicherheit noch direkte Angehörige im Zweiten Weltkrieg verloren haben könnten. Junge Menschen waren nicht zu sehen.

Der zweite Gottesdienst, diesmal im Inselwesten, endete außen vor der Kirche. Nicht am Kriegerdenkmal des Ortes, das es durchaus auch gibt, Am Dorfteich, ungefähr 300 Meter von der Kirche entfernt, sondern an einer Gedenktafel für Zwangsarbeiter, die vor wenigen Wochen erst enthüllt wurde, auf der die Namen der auf Fehmarn verstorbenen Zwangsarbeiter aufgeführt sind. Die Recherchen dazu hatten einige Schülerinnen und u.A. die Frau des örtlichen Pastors sorgfältig durchgeführt.

Die Schülerinnen waren nicht die einzigen jüngen Menschen, die an der Zeremonie teilnahmen. Insgesamt war der Altersdurchschnitt deutlich niedriger. Der Kreis derer, denen man gedachte, war, wenn man die Worte des Pastors verglich, in beiden Gemeinden gleich, und seine Worte entsprachen dem, was der ehemalige Bundespräsident an jenem Tag auch gesagt hatte:

„Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.
Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.
Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.
Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.
Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten, und teilen ihren Schmerz.
Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern,
und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.“

Ich wurde immer versöhnte mit diesem Tag, der mir ursprünglich als Kind sehr militaristisch, sehr kriegsverherrlichend und irgendwie sehr auf eine einige Gruppe Menschen beschränkt vorkam.

„Opfer von Gewalt und Krieg, Kinder, Frauen und Männer aller Völker“ wurden betrauert. Würdevoll. Menschlich. Bei beiden Veranstaltungen. Es ging also an diesem Tag nicht nur um Menschen deutscher Herkunft, die in Uniform vom Feind getötet worden waren, sondern, um wirklich alle Opfer von Gewalt und Krieg?

Die Hinterbliebenen, Nachkommen, Freunde von Verstorbenen trauerten gemeinsam und würdevoll.

Es ging nicht mehr um Uniformierte, die Ehrenwache für Uniformierte halten. Es waren Menschen, die um Menschen trauerten. Egal, welches Volk, welche Armee, welches Schicksal, welche Ungerechtigkeit sie zu einem der betrauerten Opfer gemacht hatte.

Die Lebenden waren sich nahe beim Gedenken an diese Opfer Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wird eine solche Veranstaltung in Zukunft überflüssig? Die meisten Deutschen kennen im Alltag keine Armee mehr. Sie haben schon lange keine uniformierten Soldaten persönlich und aus der Nähe gesehen. Gut. Wir sind weltweit an einigen Krisenherden mit Soldaten vertreten. Man darf sich fragen, ob das so sein muss. Man darf und muss akzeptieren, wenn es Menschen gibt, die der Auffassung sind, dass die freiheitlich demokratische Grundordnung Deutschlands auch durch eigenes Personal am Hindukusch verteidigt werden muss.

Überflüssig wird eine solche Veranstaltung aber schon deshalb nicht, weil uns die Toten zweier Weltkriege, die Opfer von Verfolgung, Ausrottung, Diskriminierung nie egal sein werden.

Und wenn wir, was in der heutigen Zeit der inflationären Verfügbarkeit an Informationen in Echtzeit aus allen Weltregionen der Normalzustand ist, sehen, wieviele Menschen täglich in Kriegen sterben, auf der Flucht vor Verfolgung, vor Gewalt, vor Hunger, vor Diskriminierung, an Krankheiten, die es vorher nicht gab und durch Strahlungsfreisetzung, die es ohne Menschen nie geben würde, fragte ich mich heute, wie schön, wertvoll und richtig es doch wäre, wenn dieser Volkstrauertag, der absolut nichts Nationalistisches, Faschistisches in sich trägt, sondern eine Gelegenheit für die Lebenden ist, gemeinsam um diejenigen aller Völker zu trauern, die durch Krieg, Gewalt, Verfolgung und so viel mehr ums Leben gekommen sind, und vermisst werden. Individuell von Menschen, denen sie nahe waren, und die ihnen nahe waren.


Unter uns leben Menschen, die in den letzten Jahren, Monaten, Wochen, ja Tagen Angehörige in Kriegen verloren haben, die wir nur aus dem Fernsehen kennen. Unter uns leben Menschen, die der Verfolgung und Töten aufgrund ihrer Einstellung, ihres Glaubens, ihrer Religion gerade noch so entkommen sind, und deren Angehörige es nicht alle geschafft haben, sich ebenfalls in Sicherheit zu bringen.

Von diesen Menschen war niemand da heute. Am Volkstrauertag. Zur Erinnerung. Es war der Tag, an dem es heißt:

„Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.
Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.
Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.
Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.
Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten, und teilen ihren Schmerz.
Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern,
und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.“

Ich wurde immer versöhnte mit diesem Tag, der mir ursprünglich als Kind sehr militaristisch, sehr kriegsverherrlichend und irgendwie sehr auf eine einige Gruppe Menschen beschränkt vorkam.

Mein Wunsch an die Menschheit ist, dass wir alle Grenzen abbauen, die uns daran hindern, gemeinsam als Menschen zu trauern, sich zu trösten, sich zu erinnern, und zu gedenken. Ich wünsche mir Volkstrauertage in Zukunft, die für alle offen sind, und an denen alle Menschen denen gedenken, die sie vermissen, weil sie zu früh gestorben sind. Egal, wo sie geboren wurden, wie sie nach Deutschland gekommen sind, was sie glauben, was sie erlebt haben, und welche Sprachen sie sprechen.

Denn das ist in meinen Augen einer der wichtigsten Schlüssel zu dem, was wir alle suchen, egal welche Sprache wir sprechen, und wie und wo wir aufgewachsen sind:

Frieden

Eckhard A. Kretschmer
Kantor, Organist und Autor auf Fehmarn